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Geschichte und Gesellschaft Andalusiens damals


von Felix Boller
01.02.2004, aktualisiert am 01.02.2004, 14:26 Uhr


Stimmenanzahl: 19 - Durchschnittliche Wertung: 4.26 ()


Andalusien wurde als letztes Gebiet von den Christen erobert. Als 1492 schließlich Granada in die Hände der Katholischen Könige Ferdinand von Aragon und Isabell von Kastilien fiel, war dies nach einer arabischen Herrschaft von 8-++00 Jahren. Es war sicher kaum mehr viel romanischchristliches Erbe vorhanden. Man darf hier also kaum von einer Reconquista sprechen, sondern von einer reinen Conquista, einer Eroberung. So ist die Reconquista eigentlich fliessend in einer Conquista übergegangen. Darum ist auch weiter nicht erstaunlich, dass gerade Portugal und Spanien zur Eroberung der Neuen Welt ansetzten. Andere Länder setzten zuerst auf eine Handelsoffensive mit kleinen Stützpunkten. Spanien ging immer gerade zu einer flächenhaften Inbesitznahme über. Genau nach dem Schema der Reconquista eroberten verschiedene Adlige mit ihren Truppen im Auftrag des Königs das Territorium. Sie hatten Interesse an flächenhafter Erschliessung, weil das Gebiet ihnen als Lehen übergeben wurde. Die Einwohner der Gebiete wurden zwar zum Teil indirekt vernichtet, indem sie umgesiedelt und zur Zwangsarbeit angehalten wurden. Aber die Spanier brauchten, um ihre Lehen in Wert zu setzen, Arbeitskräfte. Also blieb das vorhandene Bevölkerungselement bestehen, im Gegensatz zur völligen Vernichtung der Indianer in Nordamerika.

Wie im Geschichtskapitel erwähnt, machte die Reconquista in Kastilien halt, die Sierra Morena wurde zum Grenzland, das allerdings gar nie richtig besiedelt war. Ab 1212 bis 1248 wurde zügig ganz Niederandalusien erobert. Bereits waren die Städte Cordoba und Sevilla nur noch ein Abklatsch ihrer einstigen Blüte, da sie nun 200 Jahre am Nordrand des arabischberberischen Einflussgebietes lagen. Während ungefähr 200 Jahren blieben Teile der ansässigen Bevölkerung erhalten. Viele Mohammedaner flohen ins restliche arabische Gebiet, ins Königreich Granada. Dort stieg die Bevölkerungsdichte sehr stark an. Viele blieben aber in den Städten. So entstand für 200 Jahre eine multikulturelle Gesellschaft mit Mudejar (christianisierten Mohamedanern), moriscos (Mohamedaner brauner Farbe), Juden und neu den Christen. Auf dem Lande wurden die islamischen Landeigentümer meist vertrieben oder die wenigen, die blieben konvertierten. Das arabische Element verschwand wahrscheinlich recht rasch, kulturell und genetisch. Die katholische Kirche sorgte auch für eine Säuberung. Viele Gebiete versanken in einen Dämmerschlaf.

Fruchtbares Land verbuschte, da zu wenig Bevölkerung für die Pflege vorhanden war. Kleine Dörfer standen in der weiten Ebene, dazwischen Niemandsland. Auch Sevilla und Cordoba brauchten recht lange, bis sie sich wieder erholt hatten. Rings um das nun sehr dicht besiedelte Hochandalusien mit dem Königreich Granada, entstand ein letzter Gürtel von Niemandsland mit den Wehrdörfern der Christen. Alle Bewohner lebten innerhalb der befestigten Städte. Es sind eigentliche Agrostädte mit der Zusatzbezeichnung "de la frontera" (Morón, Jimena, Jerez etc.). Auch auf mohamedanischer Seite entstanden Wehrdörfer oder Städte wie etwa Ronda oder Zahara oder La Guardia. 250 Jahre hielt sich dieses Reich, wohl auch weil es ein Vasallenstaat der kastilischen Könige wurde und viel Geld einbrachte. Es muss mit der hohen Bevölkerungsdichte und der Ansammlung von geschickten Handwerkern noch einmal eine große Blüte erlebt haben. Chroniken sprechen von einer Million Einwohner in diesem Gebirgskomplex. Siedlungsschwerpunkte waren natürlich die intramontanen Becken mit ihren Schwemmländern und der Bewässerungsmöglichkeit wie die Region von Granada oder Guadix. Die Bewässerungstechniken wurden noch einmal perfektioniert, um die Bevölkerung zu ernähren. Berühmt sind die am Abhang der Sierra Nevada klebenden Dörfer von Alpujarras, die später mit ihren Bewässerungseinrichtungen von den Christen übernommen wurden. Heute zerbrechen allmählich die alten Dorfstrukturen und mit ihnen die Bewässerungsgemeinschaften, die seit Jahrhunderten die Kanäle unterhalten hatten, geradeso wie im Wallis.

Nach der Eroberung des Königreichs von Granada, wurden in zwei Schüben nach Aufständen der Mohamedaner, alle Mauren verbannt. Nun war das letzte arabische Element vernichtet. Aufgrund der vielen arabischen Flurnamen, der übernommenen Bewässerungsanlagen und der arabischen Bauten wie eben die Alhambra, wird den Arabern immer ein zu grosser Anteil an der heutigen Ausprägung von Volk und Kultur zugeschrieben. Aber Kirche und Staat sorgten für eine Vernichtung. Andalusien ist bis heute sehr katholisch geblieben und der andalusische Dialekt wird zwar anders gesprochen als das Castellano Kastiliens, ist aber reine Hochsprache. Andalusien ist zu einer Besiedlungskolonie Kastiliens geworden.

Eine neue Blüte erlebte Andalusien mit den Entdeckungen, insbesondere Sevilla. Es erhielt das königliche Monopol für den Edelmetallhandel mit den Kolonien. Über den Flusshafen von Sevilla kam der ganze Reichtum Lateinamerikas nach Kastilien, das Gold und Silber aus Bolivien und Peru und die fertig geprägten Silbermünzen aus Guatemala und Mejico. Auch die Könige besuchten Sevilla und Andalusien gerne, ließen sich deshalb auch den Alcazar von Sevilla bauen, ein Palast in arabischem Stil für Christen gebaut. Die Grabeskapelle der katholischen Könige wurde in Granada errichtet. Diese Anknüpfung ans Weltreich und an Kastilien brachten Andalusien mehr Reichtum als den alten Herrschaftsgebieten Kastiliens.

Die Bevölkerung stieg wieder an, die Adligen setzten ihre immensen Ländereien in Wert. Es entstanden große Siedlungen, ganz im Stil der Wehrdörfer von damals. Diesmal ging es aber nicht um Abwehr. Hier entstand nicht wie im Norden eine Schicht von freien Bauern. Die Macht des Hochadels ist schon so weit, dass die Ländereien nur noch an Adlige abgegeben wurden. So entstanden Großdörfer mit den landlosen Landarbeitern, die auf den Großgrundbesitzungen arbeiteten. Dies war bis ins 19. Jahrhundert soweit ein rechter Verdienst. Seit dem Bürgerkrieg sind aber die Landarbeiter zu einem ständigen Problem geworden. Geringe Rentabilität der Landwirtschaft, geringes Interesse an optimalem Output und die Konkurrenz aus Übersee ließen das Arbeitsvolumen zurückgehen. Die Landarbeiter hatten immer weniger Tage mit Arbeit pro Jahr. Dadurch setzte dann auch hier ein Exodus ein, aber vor allem erst in den fünfziger und sechziger Jahren.

Damit entstand die paradoxe Situation, dass bei hoher Arbeitslosigkeit und relativ dichter Besiedlung heute die Landarbeiter fehlen. Darum werden dann häufig illegale Einwanderer aus Marokko und Tunesien eingesetzt. Vor allem die jungen Spanier sind kaum mehr bereit, als Taglöhner sich auf den Feldern der Reichen abzurackern. Diese Situation führte wiederum dazu, dass in den letzten 20 Jahren die rückständigen Grossbetriebe mit viel Handarbeit durchrationalisiert wurden und heute Musterbetriebe für Rentabilität und Rationalisierung sind.




Kommentare zu diesem Artikel

Am 09.11.2007 schrieb Nichtmitglied
Ich finde den Text an sich in Ordnung, jedoch hätte man mehr über das Erbe der Araber erwähnen sollen!

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