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Die Plastikkultur von Almería


von Felix Boller
01.02.2004, aktualisiert am 01.02.2004, 14:41 Uhr


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In den achtziger Jahren geschah das Wunder. Ein neuer Stausee gab Anlass zu Hoffnungen. Irgendwie entstand eine Initiative. Ungefähr um 1980 entstanden die ersten Plastikkulturen. Sie sind schon fast als horssol zu bezeichnen. Der fast sterile, sandige oder kiesige Boden wurde gemischt mit gut verrottetem Kuhmist. Mit Tröpfchenbewässerung mit Beigabe von Flüssigdünger wurden die Pflanzen unter Plastik gezogen. Der Plastik wärmt in den Wintermonate, dient aber viel eher der Reduktion der Verdunstung in den heißen Monaten. Doch der große Vorteil von Almeria sind die vielen Sonnenstunden im Winter und Frühjahr bei schon recht hohen Temperaturen. Damit stehen die Plastikkulturen von Almeria in klarer Konkurrenz zu den energieintensiven HighTech Gewächshäusern in Dänemark und Holland.

In den achtziger und frühen neunziger Jahren dehnte sich die Fläche immer mehr aus und die Bevölkerung begann in den betreffenden Gemeinden wieder zu steigen.
Innerhalb von 10 Jahren von 1987 bis 1997 nahm in Berggemeinden und auch in Gemeinden, die in Tälern ohne neue Bewässerungsmöglichkeiten liegen, die Bevölkerung um 20 bis 30% ab. In den Gemeinden an der Küste nahm sie teilweise wegen des Tourismus etwas zu. Massiv nahm hingegen die Bevölkerung im unteren Tal des Rio Antarax zu, um 20 bis 25%. Es sind dies alles Bauern, die in der Hoffnung auf einen guten Gewinn mit Plastikkulturen zuwanderten. Insgesamt nahm die Bevölkerung der Provinz in der gleichen Zeit um 10% zu auf fast 500'000.
Die Behörden haben den Ausbau der Infrastruktur und die Kontrolle über den Landkauf und die touristischen und städtischen Bauten und Spekulationen verloren. In ländlichen Gebieten zerfällt die Infrastruktur, womit die Lage der Bergdörfer noch schlechter wird, während die Gewächshäuser wuchern und in der Stadt Almeria als Zentrum des Gemüsehandels und des Tourismus die Spekulation Blüten treibt und zum Teil auch zu einem Wildwuchs der Bauten führt.
Die einseitige Ausrichtung auf Tourismus und Landwirtschaft zeigt sich auch in der Beschäftigtenstruktur 1996:

Sektor / % der Beschäftigten
Landwirtschaft / 22,8%
Industrie / 5,4%
Bau / 11,88%
Dienstleistungen / 59,9%

(Anuario Estadístico der Andalucía 1996)

Während in ganz Spanien 14% und in Andalusien 15% der bebauten Fläche bewässert werden, sind es in der trockenen, armen Provinz Almería 24%. Davon sind 58% Gemüse und Salate, 27% Fruchtkulturen. Die trockene übernutzte Landschaft zeigt sich auch darin, dass trotz der vielen Gebirge lediglich 18% als Hochwald ausgewiesen sind.
In der Statistik schlägt sich dieses Frühgemüse auch als Export nieder. In der spanischen Statistik werden Exporte ins Ausland auch provinzweise ausgeschieden. Insgesamt führt Andalusien etwa gleich viel aus wie ein, während die Provinz Almería mit 367% Deckungsgrad der Importe durch Exporte sehr gut dasteht. Wertmäßig werden für 140 mrd Pts Waren exportiert.
Damit ist die aber die Geschichte nicht fertig. Wie schon im allgemeinen Kapitel Landwirtschaft erwähnt, hat man sich mit diesem Boom viele Probleme eingehandelt.
Die armen Bauern, die diese Landwirtschaft betrieben, begannen aus schierer Verzweiflung damit. Es war eine Notlage. Entweder emigrieren oder das Risiko auf sich nehmen. Sie mussten Bankkredite aufnehme für Metallgestell, Plastik, Dünger und Saatgut. So liefern sie monatlich einen guten Teil der Einkünfte als Zinsen an die Bank ab.

Da der Markt in Mitteleuropa liegt, sind die Bauern von den Händlern abhängig. Das große Geld wird bei Händlern und Spediteuren gemacht. Die große Konkurrenz unter den Bauern drückt auf die Preise.
Die Grundwasserreserven werden klar übernutzt. Tourismus und Landwirtschaft ließen den Grundwasserspiegel schon um einige Meter absinken. Das Wasser wird immer salziger, da Meerwasser von der Küste her nachdrängt. Nur salzresistente, besondere Züchtungen können ausgesät werden.
Häufig zerreißen Stürme oder heftige Regengüsse den Plastik. Die Bauern verschulden sich noch mehr.
Viele Bauern haben schon wieder aufgegeben, da ihnen das Geld ausging oder weil der Boden versalzen oder vergiftet war. Davon zeugen die Skelette von Stangen, die mit Plastikfetzen bewehrt, in den Himmel ragen.
Auch die Stauseen werden nie mehr voll. Auch das Oberflächenwasser wird übernutzt. Der Rio Andarax erreicht das Meer schon lange nicht mehr.
Der Boom der Landwirtschaft und des Tourismus ließ alle anderen Wirtschaftszweige hintenanstehen. Die weitere Infrastruktur wurde vernachlässigt, ganze Dörfer gleichsam vergessen. Es entsteht fast eine Art Wildwestmentalität Die Bauern finden keine Arbeitskräfte, die zu so tiefen Löhnen arbeiten würden, dass die Produkte noch rentabel bleiben. Es fallen aber viele Handarbeiten an, die sie alleine nicht durchführen können, zumal ihre Kinder trotzdem abwandern. Illegale Marokkaner, die in die Lücke springen, leben in eigentlichen Slums. Steigender Rassismus kann beobachtet werden.




Kommentare zu diesem Artikel

Am 17.05.2005 schrieb castlestone
Die bSituation wurde sehr prezise beschrieben.

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