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Tarifa - Die Hauptstadt des Windesvon Florian Schneider 02.02.2004, aktualisiert am 02.02.2004, 11:34 Uhr Stimmenanzahl: 10 - Durchschnittliche Wertung: 4.90 ( )Der Wind kommt wie immer vom Meer her, treibt meterhohe Wellen an den langen Sandstrand, nimmt in einem Landstück hinter den flachen Dünen kurz Anlauf und bläst dann den Steilhang hinauf. An den Kämmen der zerklüfteten Hügelkette sind Windräder postiert, die die Luftmassen in Empfang nehmen. Riesige weiße Rotorblätter winken im Gleichtakt und bilden einen Wald aus High-Tech, der das trockene Gestrüpp der Berglandschaft, Olivenhaine und Korkplantagen überzieht. Eine surreale Installation, als ob eine solche Kraft nicht sinnlos vergeudet werden dürfe, als ob am äußersten Ende Europas besondere Gewalten ihrer Übersetzung bedürften. "Hauptstadt des Windes" wird Tarifa genannt. Die kleine Küstenstadt ist der letzte Ausläufer des spanischen Festlands, das sich hier noch einmal weit in die Meerenge von Gibraltar vorschiebt. Tarifa liegt an einem neuralgischen Punkt, weil Mittelmeer und Atlantik hier unvermittelt aufeinanderprallen. In den Prospekten der Tourismuswerbung wird diese Lage mit wenigen Schlagwörtern umschrieben: Seefahrerfestung, verträumtes Fischerstädtchen, Urlaubsort der gehobenen Klasse, Hochburg der Surfer. Als "Paradies, das es zu entdecken gilt", rühmt sich die Stadt auf einer großen Werbetafel am Ortseingang. Wer hier auch nur zwei Tage am Stück verbringt, merkt schnell, dass dieser Slogan eine doppelte Bedeutung hat. Alles in Tarifa ist in Bewegung. Und das liegt nicht nur an Poniente und Levante, den beiden Winden aus dem Westen und Südosten, die sich wie in einem Trichter verstärken. Es liegt vor allem an den zwei unterschiedlichen Sorten von Reisenden, die hier eintreffen: Seit Mitte der 80er Jahre pilgern Surfer aus aller Welt nach Tarifa und machten so den Tourismus zur Haupteinnahmequelle des Städtchens. Ungefähr zur selben Zeit später landeten die ersten illegalen Einwanderer aus Marokko in Pateras, kleinen Holzbooten am spanischen Strand. Die meisten Einwohner von Tarifa hatten damals noch gedacht, die Afrikaner kämen mit den Pateras, um sich das Geld für die Fähre zu sparen. Heute sind es zur Hochsaison im Juli bis zu Tausend Menschen pro Nacht, die die riskante Schiffspassage von der marokkanischen Küstenstadt Tanger über die zehn Seemeilen der Meerenge von Gibraltar nach Tarifa wagen. Khalil ist einer von denen, die es vor drei Tagen geschafft haben. Er zeigt auf eine Stelle an der Küste, wo der kilometerlange Sandstrand westlich von Tarifa in Felsküste übergeht und die Sonne gerade hinter ein paar Sträuchern verschwindet. Die letzten Surfer packen ihre Segel ein, ein Jogger trabt den festen Sand entlang, ein Liebespaar schlendert im seichten Wasser. Ein Bild, als müsste die Urlaubspostkarte erst noch erfunden werden müssen. Wie aus dem Off spricht Khalil über dieses Idyll: Über das Gefühl, das er hatte, als er als letzter aus dem Boot ins Wasser sprang. Die Angst, bei der Überfahrt mit den 53 anderen Passagieren zu kentern oder gar nicht in Europa, sondern wieder in Marokko an Land zu gehen. Die nassen Klamotten, die ihm kalt werden ließen und jede Bewegung behinderten. Wie er ins Wasser fiel, bevor sie in einer kleinen Bucht in der Nähe von Tanger losfuhren, und er mithalf, den schweren Außenbordmotor auf die Planke des Holzboots zu hieven. Sein dünnes Lachen kann seine Erleichterung kaum überspielen. "Ich bin der glücklichste Mensch der Welt", sagt er. Sein Glück ist, dass ihm geholfen wurde. Und zwar ohne, dass er damit rechnen konnte oder dafür bezahlen musste. Und zwar dann, als er schon an Land gekommen war und sich erstmal in den Sträuchern versteckt hielt. Sein größtes Glück ist Nieves, eine Lehrerin, die Teil eines Netzwerks von Bürgern aus Tarifa ist, die den illegalen Einwanderern helfen, wo es nur geht. "Das erste, was die Menschen machen, sobald sie bei uns Unterschlupf finden: Sie rufen zu Hause an und wollen ihrer Mutter sagen, ich habe es geschafft!" Nieves García Benito ist Mitte Vierzig und eine Frau, die weiß was sie tut. Sie erinnert sich genau an den Morgen des 2. November 1989, als sie am Strand spazieren ging und plötzlich eine Leiche im Sand fand. Es war nur einer von 18 Kadavern, die das Meer anspülte, gut eine Woche bevor in Berlin die Mauer fiel. Seitdem sei nichts wie zuvor, sagt sie. Sie werde nie mehr im Meer baden, ohne daran zu denken, dass in diesen Wellen jedes Jahr wahrscheinlich Hunderte von Menschen umkommen. Sie könne nicht mehr morgens aufstehen, in den Himmel schauen und sich denken, was für gutes Wetter wieder sei. Stattdessen kommt ihr in den Sinn: "Heute werden wieder Menschen sterben!" Nieves führt eine Statistik, die auflistet, wieviele Menschen den Versuch, unerkannt die Grenze zu überqueren, mit ihrem Leben bezahlen mußten. Allein heuer hat sie bereits über 50 Tote gezählt, die an der spanischen Küste angeschwemmt wurden. Die Zahl der Schiffbrüchigen, die es selbst tot nicht nach Europa schafften und von der Strömung an die marokkanische Küste zurückgetrieben werden, kann sie nicht einmal schätzen. Das spanische Sozialministerium geht davon aus, dass im Jahr 1999 an die 1000 Menschen in der See zwischen Tanger und Tarifa ihr Leben verloren. "Bei uns in Tarifa herrscht Krieg", sagt Nieves. Ein schmutziger Krieg, sagt sie, ein heimlicher Krieg, den die Staaten der Europäischen Gemeinschaft den Menschen aus Afrika mit der Unterzeichnung des Schengener Abkommens von 1990 erklärten. Am 15. Mai 1990 führte Spanien auf Druck der EG die Visumspflicht für Bürger aus Maghreb-Staaten ein, die bis zu diesem Zeitpunkt die Grenze ohne Formalitäten passieren konnten. Seitdem ist der illegale Grenzübertritt für sie praktisch die einzige Möglichkeit von Marokko nach Europa zu gelangen. Die spanische Regierung hat im vergangenen Jahr angekündigt, 150 Millionen Euro in die weitere Aufrüstung der Grenze investieren zu wollen, und stellt derzeit das Radar-Überwachungssystem SIVE fertig, mit dem die Küstenregion lückenlos elektronisch überwacht werden soll. Die Menschen scheinen sich jedoch kaum davon abschrecken oder abhalten lassen, ihr Glück in Europa zu suchen. Der einzige Effekt, den die Abschottungsmaßnahmen haben, dürfte darin bestehen, den Preis und das Risiko des Grenzübertrittes weiter hochzuschrauben. "Zäune können den Wind nicht aufhalten," sagt Peio Aierbe von der Menschenrechtsorganisation "Algeciras acoge" (deutsch: Algeciras heißt willkommen) aus der Hafenstadt Algeciras rund 20 Kilometer nördlich von Tarifa. Nur 14 Kilometer ist die marokkanische Küste von Tarifa entfernt. Von der Terrasse ihrer Wohnung hat Nieves García Benito einen wunderbaren Blick übers Meer nach Tanger. "Da ist doch klar, wer uns näher steht", sagt Nieves. Über 1200 Jahre lang waren Südspanien und Nordmarokko zusammenhängende Regionen, die die unterschiedlichsten Einflüsse, europäischer, arabischer, maurischer und afrikanischer Kultur verarbeiteten. Weshalb dieser Austausch vor elf Jahren von einem Tag auf den anderen abgeschnitten werden sollte, ist den Menschen auf beiden Seiten der Grenze kaum zu vermitteln. Nieves ist vielmehr stolz darauf, dass in Tarifa kein Mensch die Polizei oder die Guardia Civil rufe, wenn völlig erschöpfte Gestalten im Garten sitzen, an der Tür klingeln und um etwas zu essen, zu trinken, Hilfe oder eine Erholungspause bitten. "Die Leute hier wissen, dass sie bei uns anrufen können." Die Mitglieder des Unterstützer-Netzwerks organisieren dann Transporte, kümmern sich um Verletzte, kämpfen gegen Rückschiebungen, überlegen Weiterreise oder Legalisierung. Sie verstecken Illegale in ihren Häusern, beratschlagen mit ihnen über die Situation und planen zusammen den Weg weiter nach Norden: In teuren Wägen, meist mit Kennzeichen aus Barcelona oder Madrid, werden die Flüchtlinge durch die Polizeikontrollen geschmuggelt, die alle paar Kilometer an der Küstenstraße aufgebaut sind. Für Nieves steht die Unterstützung der Flüchtlinge außer Frage. "Das ist eine Selbstverständlichkeit, eine Frage der Menschlicheit". Sie sieht keine Veranlassung, ihr Verhalten zu verheimlichen, sondern nützt den Schutz der Öffentlichkeit und die Tatsache, dass sich in einer Kleinstadt ohnehin jeder und jede kennt. Wie sich das Netzwerk zusammengefunden hat und wer dort welche Rolle übernimmt, wird trotzdem nicht offen verhandelt, schließlich steht mittlerweile auch in Spanien die "Beihilfe zhum illegalen Aufenthalt" unter Strafe. "Du gehst am Strand entlang und schaust auf eine gewisse Art und Weise," sagt Ito, eine weitere wichtige Person aus der Unterstützergruppe. "Und dann merkst du auf einmal, dass dir andere Menschen entgegen kommen, die sich ähnlich umsehen." Ito's Vater gehört der Campingplatz am Strand von Tarifa, dort wo nachts die meisten Flüchtlinge in den Pateras ankommen. Sie macht keine großen Worte, aber aus jeder Silbe, jedem Blick und jeder Geste wird deutlich, dass sie das, was der Staat für illegal zu erklären versucht, in einem Reflex für besonders unterstützenswert hält. Und je mehr versucht würde, sie davon abzuhalten, das zu tun, was sie für richtig erachtet, umso entschlossener wird sie eben dies verfolgen. Bis zu Hundert Flüchtlingen pro Monat kann so auf vor allem unbürokratische Weise geholfen werden. Doch das Netzwerk der Bürger von Tarifa ist nicht das einzige dieser Art. "Pateras por la vida" (Boote fürs Leben) heisst ein anderer informeller Zusammenschluss von Migranten aus dem Rif-Gebirge, die schon länger in Spanien leben. Ihr erklärtes Ziel ist, Verwandten, Freunden und Bekannten eine möglichst sichere und preiswerte Überfahrt zu gewährleisten. Dazu gehört, nicht nur so weit als möglich mit seriösen Anbietern für die Bootspassage zusammenzuarbeiten, sondern auch, die Grenzgänger am Strand abzuholen und an Zielorte weiter nördlich zu bringen. Zwischen zwei Telefonaten mit Gewährsleuten in Tanger, die darauf warten, ihre Passagiere in Empfang zu nehmen, erzählt Karim aus dem Dorf im Rif-Gebirge, aus dem er stammt: "Neun von zehn Menschen warten nur auf die erstbeste Gelegenheit, das Land zu verlassen." Der Norden Marokkos werde von der Zentralregierung in Rabat systematisch vernachlässigt. Während es aber bis vor kurzem noch ein Tabu war, das Thema Migration überhaupt nur anzusprechen, habe sich dies in den letzten Jahren dramatisch verändert: "Auf beiden Seiten der Grenze wächst eine Generation heran, für die Migration kein Problem oder keine Schande, sondern, wenn nicht eine Selbstverständlichkeit, dann zumindest die einzige Chance ist." Selbst in einem Land wie Spanien, das bis vor kurzem noch als klassisches Auswanderungsland galt, übersteigen solche Einsichten das Vorstellungsvermögen von Regierungen, Behörden und Teilen der Bevölkerung bei weitem. Von den 15.000 Menschen, die im letzten Jahr von der Guardia Civil, einer Spezialeinheit des spanischen Militärs auf See oder an Land aufgegriffen wurden, wurden die meisten umgehend wieder abgeschoben. Nur Menschen aus Ländern unterhalb der Sahara haben überhaupt die Chance auf ein Asylverfahren. Fernando Garcia fotografiert seit Anfang der 90er Jahre die Grenze zwischen Spanien und Marokko. An dem Tag, als er seine wahrscheinlich außergewöhnlichste Ausstellung eröffnet, war es auf einmal windstill. Am Strand von Tarifa stellte er riesige Abzüge seiner Bilder auf Staffeleien in den Sand, einige fast genau an die Stelle, an der sie aufgenommen wurden. Garcia ist immer wieder von der Guardia Civil oder Schleppern mitgenommen worden und hat fotografiert, was ihm vor die Linse kam: Tote, die am Strand angespült werden, Festnahmen, Abfahrt, Ankunft, Strandung. Mit der Inszenierung der Fotos am Strand gelingt ihm dann eine kaum mehr erträgliche Plansequenz: Badegäste verweilen vor Fotos, die illegale Einwanderer zeigen, wie sie am Strand anlangen, dahinter wiederum Touristen, die sich genau an derselben Stelle sonnen oder sorglos ein Bad in denselben Wellen nehmen. Ein ganz anderes Bild haben Kinder mitten in Tarifa an eine Böschung gemalt. Es zeigt die Straße von Gibraltar, bevölkert von Booten, auf denen Pateras steht und in denen lauter Schwarze sitzen. Dazwischen patrouillieren, ganz weiß im Gesicht und mit einem roten Kreuz auf der Brust, Krankenschwestern, die die armen Teufel aus den Booten herzlich in Empfang nehmen. Den originalen Artikel finden Sie unter www.kein.org und wurde auf Andavida mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlicht Kommentare zu diesem ArtikelZu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare abgegeben
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